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Die Sage vom weißen Roß

Der „Breite Weg“ war und ist Hauptverkehrs- und Geschäftsstraße unserer Stadt. Einflußreiche Bürger wohnten zu beiden Seiten des „Breiten Weges“. Dem Besucher der Stadt fiel beim Stadtbummel am Hause Nr. 19 die Skulptur eines Pferdes auf, die aber dem Dacherker des Hauses angebracht war. Die Geschichte dieses Pferdes, der dem Hause den Namen „Zum weißen Roß“ gebracht hat, erzählt uns eine Sage.

Noch im Anfang des 17. Jahrhunderts bewohnten vor allem Patrizier und Domherren diese Straße, während die Handwerksmeister mehr um den Marktplatz herum angesiedelt waren.

Unweit der Himmelreichstraße wohnte der Domherr Heinrich von Asseburg mit seiner Familie. Der frühe Tod der Hausfrau hatte die Familie in Trauer versetzt; in der Erbgruft im Dom war sie beigesetzt worden.

In der Nacht nach dem Begräbnis stieg der Totengräber mit Hilfe einer Leiter in die Gruft, hob den Sargdeckel und wollte sich den kostbaren Schmuck aneignen, den man der Toten mit in den Sarg gegeben hatte. Ohrringe, Ketten, Ringe und Armbänder hatten seine Habgier geweckt.

Ein kostbarer Ring leistete dem verbrecherischen Grabschänder Widerstand. Kurz entschlossen griff er zu seinem Messer und wollte den Finger samt Ring abschneiden. Doch jäh zuckte er zurück; die Tote hatte sich bewegt und die Augen aufgeschlagen.

Entsetzt floh der Totengräber aus der Gruft, ließ Leiter und Laterne stehen und machte, daß er von dannen kam.

Die Frau von Asseburg, die offensichtlich nur einen Starrkrampf gehabt hatte und scheintot gewesen war, richtete sich mühselig auf, entstieg dem Sarg und gelangte über die Leiter in den Dom und nach langem Suchen von da ins Freie. Immer noch benommen, näherte sie sich ihrem Hause am Breiten Weg, betätigte den Türklopfer und wartete auf Einlaß.

Es war spät in der Nacht, und so dauerte es eine Zeitlang, ehe sich Schritte der Tür näherten. Vorsichtig öffnete der alte Diener, prallte entsetzt zurück, schlug die Tür wieder zu und stürzte schreckensbleich in das Schlafgemach des Hausherrn, um dem seine seltsame Wahrnehmung mitzuteilen.

Dieser schalt ihn einen Träumer, bezichtigte ihn, Hirngespinsten nachzugehen, anstatt sich zur verdienten Nachtruhe zu begeben. „Ebensowenig wie mein Schimmel die Treppe hinaufzusteigen und aus dem Dachfenster zu wiehern vermag, kann meine Gattin zu den Lebenden zurückkehren.“

Kaum aber hatte er diese Worte ausgesprochen, als er Huftritte auf der Treppe vernahm, und nur eine kurze Zeit verging, und er hörte über sich das Wiehern seines Pferdes.

Zerstreut waren nun alle Bedenken; der Hausherr eilte die Treppe hinab, öffnete flugs die Eingangstür und schloß seine totgeglaubte Frau beglückt in die Arme.

Frau von Asseburg soll noch etliche Jahre mit ihrer Familie in Harmonie und Glück gelebt haben. Der Schimmel des Hausherrn erhielt am Dacherker ein steinernes Denkmal in Gestalt eines Pferdekopfes. Das Haus wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört; erhalten aber blieb die Sage vom weißen Roß, und der Wiedererbauer ließ auf dem Dacherker das Standbild eines Pferdes einbringen, das bis zu den Januartagen 1945 an das sonderbare Geschehen erinnerte.